Auch wenn der Blick aus Anwendersicht naheliegt möchte ich dennoch mal den Blick aus Investorenseite versuchen. Was macht JTL als Investitionsobjekt also attraktiv?
Es gibt eine Software, die offensichtlich attraktiv genug ist um ständig wachsende Nutzerzahlen zu generieren. Die Nutzerentwicklung bei JTL ist ja durchgehend positiv.
Gleichzeitig hat diese Software aber grundlegende Probleme. Sie ist Stand jetzt nicht so gebaut, dass sie mit Konkurrenzprodukten wie Shopware, aber insbesondere dem sicherlich größten Herausforderer Shopify mithalten könnte.
Hier fehlen grundlegende Anpassungen, am relevantesten dabei: Umstellung auf SaaS, in House Vertrieb.
Wir als Anwender kennen die Entwicklungsprozesse im Hause JTL nur so weit wie sie in unsere Richtung kommuniziert werden. Sharp Wawi, Modularisierung und Internationalisierung des Produktportfolios und immer stärkere Orientierung neuer Komponenten in Richtung Hostingsysteme (SCX, Vouchers, insbesondere BI) sprechen da für mich eine eindeutige Sprache. Ich gehe davon aus, dass JTL mit der 2.0 den Schritt in Richtung SaaS gehen wird. Der neue Investor wird sicher tiefe Einblicke in die geplanten Entwicklungsprozesse bekommen haben und offensichtlich waren sie überzeugend genug um eine entsprechende Investition auszulösen.
Denn auch wenn die Kundenbasis mit 50k Kunden erstmal groß klingt, verglichen mit den Marktführern im gleichen Bereich sind das aber Peanuts. Insbesondere weil sich der bisherige Wirkungskreis von JTL quasi ausschließlich auf den deutschen Markt beschränkt und hier das Wachstum ganz sicher endlich ist, insbesondere wenn man die immer stärker werdende Konkurrenz betrachtet. Wenn dem Investor bei den Gesprächen aber eine Story erzählt werden konnte, die einen mittelfristige Öffnung des Produktes auf zumindest den europäischen Markt samt Umstellung auf einfache Einstiegsmöglichkeiten dank SaaS und Erweiterung des Modulbereiches via API, bspw auch auf spezielle Länderlösungen, präsentiert werden konnte - dann ist das teuer Ding verkauft.
Die Alternative ist, dass der Investor primär Interesse an der lokalen Nutzerbasis und einer Monetarisierung der im Marktumfeld noch vergleichsweise günstigen derzeitigen JTL Produkte hat. Also eine relativ überschaubare Investition mit mittel- bis langfristigem Payoff. Dafür müsste man sich jetzt den Investor und sein bisheriges Portfolio genau anschauen.
Aus Nutzersicht fragt man sich was von diesen beiden Varianten attraktiver wäre...
Aus meiner Sicht, gibt es aus Investorensicht ganz viele mögliche Szenarien, die man als "Normalo" vermutlich auch nicht alle überblicken kann.
Die offizielle Pressemitteilung von JTL spricht ja auch von "strategische(r) Partnerschaft", was ja eher auf eine längerfristige Zielsetzung deuten lässt.
Im Moment ist aber sowohl unklar, wieviel Anteile tatsächlich verkauft wurden, als auch zu welchem Kurs.
Und dann ist ja noch unklar, ob auch Geld direkt in JTL und die Weiterentwicklung investiert wird oder halt nur in den Anteilskauf.
Darüber hinaus gibt es viele Modelle, die sowohl für den Veräußerer, als auch für den Investor interessant sein können.
Zum einen scheint das Portfolio hauptsächlich aus ERP, Zahlungs- und Steuersoftware für KMU zu bestehen, so dass sich Synergien und Vertriebspotenziale ergeben. Zum anderen, handelt es sich um einen Private Equity Fonds mit Milliarden an verwalteten Investoren-Geldern, so dass sich auch schon durch entsprechende (internationale) Steuer-Optimierungsmodelle Vorteile/Renditen erzielen lassen.
Die "Gerüchte-Küche" spricht ja auch von Beiratsposten für die ehemaligen Haupt-Gesellschafter.
Die Frage ist natürlich auch die der Haltedauer und Investmentziele des Investors.
Zu beachten ist auch, dass von 8,1 Mio. GBP die Rede ist, das also ungefähr 9-10 Mio. Euro entspricht.