Eins muss ich dazu aber auch sagen…
Ein „Kleingewerbetreibender“, der 25.000 € im Jahr macht (z.B. im Nebengewerbe oder als Startup) und damit im Monat auf 2.083,33 € Umsatz kommt, ist seit Jahren nicht mehr wirklich auf dem Schirm von JTL.
Der Kleine, für den es ohnehin schon schwer ist – oder der, der einen Nischenshop betreibt – wird aktuell schlichtweg ignoriert. Gerade diese Unternehmer kämpfen mit steigenden Einkaufspreisen, höheren Versandkosten, Marketingausgaben, Energiepreisen und zusätzlicher Bürokratie. Und jetzt kommen noch deutliche Preiserhöhungen bei der Software dazu.
Man darf nicht vergessen: Viele große Händler haben einmal klein angefangen. Viele sind vielleicht auch gerade wegen JTL gewachsen – weil die Einstiegshürde früher fair, kalkulierbar und machbar war. Beide Seiten haben davon profitiert.
Doch mit den aktuellen Preisstrukturen wird es für kleine Firmen und Startups zunehmend unmöglich, wirtschaftlich mit JTL zu arbeiten. Für jemanden mit rund 2.000 € Monatsumsatz machen zusätzliche Fixkosten keinen kleinen Unterschied – sie entscheiden im Zweifel darüber, ob man weitermacht oder aufgibt.
Gerade in der Anfangsphase zählt jeder Euro. Investitionen müssen durchdacht sein. Wenn Softwarekosten jedoch in einem Verhältnis stehen, das für kleine Unternehmen kaum noch tragbar ist, schließt man faktisch genau die Zielgruppe aus, die früher das Fundament der Community gebildet hat.
Und ich muss ehrlich sagen: Auch viele Partner, Agenturen und Entwickler, deren Existenz am JTL-Ökosystem hängt, profitieren von dieser Entscheidung nicht.
Denn was passiert in der Praxis?
Partner führen Gespräche mit potenziellen Neukunden – und plötzlich liegen ganz andere Preise auf dem Tisch als noch vor einiger Zeit. Preise, die für kleine Händler schlicht nicht mehr realistisch sind. Das erschwert nicht nur den Vertrieb, sondern sorgt auch für Rechtfertigungsdruck. Am Ende stehen die Partner an vorderster Front und müssen Entscheidungen erklären, die sie selbst nicht getroffen haben.
Und jetzt stellt euch einmal folgendes Szenario vor:
JTL entscheidet sich künftig, bestimmte Versionen stärker einzuschränken. Funktionen, auf denen euer eigenes Business basiert, werden nur noch in höheren Tarifen verfügbar sein. Genau die Features, die ihr für eure Extension, eure Schnittstelle oder euren Service braucht, sind plötzlich nicht mehr Bestandteil der „kleinen“ Pakete.
Wie wollt ihr eure Extension noch vermarkten, wenn eure Zielgruppe diese Basis gar nicht mehr buchen kann? Wie wollt ihr Beratung verkaufen, wenn der Kunde bereits bei den Grundkosten aussteigt?
Das gesamte System lebt von Durchlässigkeit. Von kleinen Händlern, die starten. Von Partnern, die sie begleiten. Von Entwicklern, die Lösungen bauen. Wenn aber die Basis – die kleinen und mittleren Unternehmen – zunehmend abgeschreckt oder faktisch ausgeschlossen wird, dann trifft das langfristig alle Beteiligten.
Und was ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden darf:
Schon jetzt ist es kaum noch möglich, ohne zusätzlichen Aufwand und ohne weitere Kosten eine saubere Buchhaltung anzubinden. Wer gesetzeskonform arbeiten will, braucht funktionierende, stabile und bezahlbare Schnittstellen – doch in der Praxis sieht es anders aus.
DATEV-Anbindungen sind komplex oder kostenpflichtig, Exporte müssen angepasst werden, Automatiken laufen nicht immer sauber, Buchungskonten müssen manuell nachbearbeitet werden, Zahlungsabgleiche sind fehleranfällig und je nach Setup braucht es zusätzliche Tools oder Drittanbieter-Lösungen. Das bedeutet: weitere Abos, weitere Paketkosten, weitere technische Abhängigkeiten.
Für kleine Händler ist das kein „Komfortproblem“, sondern ein echter Mehraufwand an Zeit und Geld. Und Zeit ist in kleinen Unternehmen nun einmal eine der knappsten Ressourcen.
Hinzu kommt: Zahlreiche Bugs sind vorhanden – teilweise seit langer Zeit. Fehler werden gemeldet, aber nicht zeitnah priorisiert. Workarounds werden zur Dauerlösung. Gleichzeitig werden Features, die in meinen Augen längst zur Grundfunktionalität gehören müssten, nur noch in höheren Paketen angeboten oder kosten zusätzlich.
Und dann zahlt man nicht nur einmal – sondern im Abo. Und zusätzlich im Paket. Und zusätzlich für Erweiterungen.
Das fühlt sich nicht mehr nach einem fairen Baukastensystem an, sondern nach einer immer weiter fragmentierten Struktur, bei der essentielle Funktionen Stück für Stück ausgelagert werden.
Auch die Suche wird mittlerweile von Spam geflutet. Die Qualität leidet sichtbar. Fehler werden lange aufgeschoben. Rückmeldungen aus der Community scheinen nicht mehr die Priorität zu haben, die sie früher einmal hatten.
Dabei war genau diese Community immer eine der größten Stärken: der Austausch, das Feedback, die Nähe zum Markt, die Praxisorientierung.
Viele Händler und Partner haben zunehmend das Gefühl, dass ihre Stimmen weniger Gewicht haben als früher. Dass Entscheidungen stärker aus betriebswirtschaftlicher Perspektive getroffen werden – ohne ausreichend zu berücksichtigen, was sie operativ für kleine und mittlere Unternehmen bedeuten.
Nochmal: Es geht nicht darum, dass Software nichts kosten darf. Natürlich muss ein Unternehmen wirtschaftlich arbeiten. Und natürlich darf es Preisanpassungen geben.
Aber nachhaltiges Wachstum entsteht nicht dadurch, dass man die Einstiegshürde immer weiter erhöht, Funktionen beschneidet und zusätzliche Abhängigkeiten schafft. Es entsteht, wenn man Gründer ins System holt, ihnen eine faire Chance gibt, sie wachsen lässt – und sie dann gemeinsam mit dem System größer werden.
Wenn die Kleinen verschwinden, fehlen die Großen von morgen. Wenn Partner ihre Zielgruppe verlieren, verliert das Netzwerk an Stärke. Wenn die Community sich nicht mehr gehört fühlt, verliert das System seine Basis.
Am Ende sollte man sich ehrlich fragen:
Will man ein geschlossenes System für wenige große Player – oder ein lebendiges, wachsendes Ökosystem, das langfristig alle trägt?
Denn viele haben klein angefangen. Und ja… viele sind mit JTL groß geworden.